Sōke… Die Oberhäupter des alten Japan

Sōke… Die Oberhäupter des alten Japan

Dieser kurze Aufsatz dreht sich um den Begriff des sōke (宗家) und soll einen möglichen Erklärungsansatz liefern, warum sich die alten Kampfkunstmeister wie zum Beispiel Kanō Jigorō (嘉納治五郎), Funakoshi Gichin (船越義珍) oder Matayoshi Shinkō (又吉眞光) selber nicht als sōke bezeichneten oder so bezeichnet wurden.

Heute wird der Begriff des sōke in den Kampfkünste als Stilbegründer oder Grossmeister übersetzt. (1) Nach diesem Verständnis wäre Kanō ganz klar dieser Titel zugestanden. Trotzdem bezeichnete er sich nie so. Um hier eine mögliche Erklärung zu liefern, ist es nötig zunächst einmal den Begriff des sōke genauer zu betrachten.

 

Zunächst einmal ist der grösste Unterschied zwischen der Bedeutung sōke im Westen und in Japan folgender: Während hier dieser Titel impliziert, dass jemand etwas Neues geschaffen hat („seinen“ Stil), betont der Gebrauch dieses Titels in Japan eine sehr starke Verbundenheit und Loyalität zu einer existierenden Schule, grosse Ehrerbietung für die alten Lehrergenerationen und das strikte Befolgen traditioneller Formen. Somit ist also schon zu Beginn die Bedeutung bzw. Übersetzung als „Gründer“ oder „Grossmeister“ zu vernachlässigen.

Verwirrend ist der Begriff des sōke jedoch nicht nur bei Leuten mit mangelnden Japanisch- Kenntnissen, sondern auch in Japan wird der Begriff nicht eindeutig verstanden. Dies liegt vor allem daran, dass im modernen Japan bei dem Begriff unterschiedliche Bedeutungen und Assoziationen mitschwingen, je nachdem in welchem Kontext er benutzt wird. Und je nach Kontext, haben dann diese Begriffe kaum Verbindungen.

Um über die Bedeutung des Wortes diskutieren zu können, ist es unumgänglich, zunächst seine Entwicklung und seinen Gebrauch zu verschiedenen Zeitpunkten der Geschichte zu betrachten.

von links nach rechts: Matayoshi Shinkō, Kanō Jigorō, Funakoshi Gichin

 

Das Wort sōke hat seinen Ursprung im chinesischen Wort zongjia (宗 [zong1]: Ahn(herr), Vorfahr; Schule, Sekte / 家[jia1]: Familie; Haushalt; Haus; Heim; Experte) und hat eine starke Verbindung, zum Bereich der Religion als auch der Familie. In chinesischen Texten taucht der Begriff als Bezeichnung für a) Mitglieder verschiedener Familien, welche zum selben Clan gehören oder b) für die „Hauptlinie“ eines weiter gewachsenen Clans. Und er bezeichnet c) auch die hauptverantwortliche Person für die Pflege des Ahnentempels im Interesse des gesamten Clans.

Ebenso verbindet man in japanischen Texten den Begriff sōke mit einer familienähnlichen Struktur und damit verbundenen Pflichten. Jedoch war der Gebrauch nicht auf blutsverwandte Familiensysteme beschränkt, da etliche Gemeinschaften pseudo-familiäre Strukturen besassen. So findet man auch Bezeichnungen aus dem Familienvokabular in religiösen Gruppierungen, in Handelsbetrieben oder Lehrorganisationen. Auch die japanische Mafia, die yakuza, benutzt solche Bezeichnungen.

In diesen Kontexten schwingen dann jedoch anstelle von religiösen Pflichten eher wirtschaftliche Privilegien und Exklusivität in Bereich gewisser Machtstrukturen mit.

Während der überwiegenden Perioden der frühen japanischen Geschichte waren Machtbefugnisse, Besitz und Kultur ausschliesslich vom Kaiserhof, den Aristokraten und dem buddhistischen Klerus kontrolliert.

So wurde das vom Klerus geprägte Lehrsystem der mündlichen Überlieferung (kuden, 口伝) wichtiger Inhalte, was nur Mitgliedern einer exklusiven Lehrer-Schüler-Beziehungslinie vorbehalten war, Standard in den Lehrmethoden der gesellschaftlichen Elite.

Auch die verschiedenen poetischen und darstellenden Künste waren klar unter der Kontrolle einiger weniger reicher Familien. So zum Beispiel die Nijō (二条) und Reizei-Linien (冷泉) der Fujiwara Familie (藤原), welche beide japanische Poesie lehrten (waka, 和歌) dies jedoch nur unter strikten Kontrollen und Regeln.

Etwas weiter unten auf der „Klassenleiter“ finden wir Händlerfamilien, die unter dem Protektorat örtlicher Adliger oder direkt im Auftrag des Kaiserhofs die Produktion und den Verkauf gewisser Güter (wie zum Beispiel rakuyaki [楽焼き]) kontrollierten und so in gewissen Bereichen Monopole aufbauten.

In all diesen Bereichen wurden die höchsten Geheimnisse und auch die Rechte und Pflichten des verantwortlichen „Familien“-Oberhauptes weitergegeben an den nächsten sōke. Vor 1600 gab es verständlicherweise nur wenige solcher sōke, doch mit der Befriedung und der Vereinigung Japans durch Tokugawa entstanden auch wesentlich mehr solche „Familien“ in den verschiedensten Bereichen.

Während der nachfolgenden Tokugawa-Periode entstanden immer mehr kulturelle und künstlerische Aktivitäten. Und so nahmen auch, wie bereits erwähnt, immer mehr Familien Einfluss auf die Ausbildung, die Durchführung und die „Vermarktung“ dieser Künste.

Diese neuen Familienlinien operierten meist in der Form einer hier im Westen bekannten Gilde bzw. Zunft und nannten sich selber sōke.

In den Texten der Tokugawa-Zeit findet sich noch ein anderes Wort: iemoto (家元). Dieser Begriff ist zu 100% austauschbar mit dem Begriff des sōke und bezeichnet zu diesem Zeitpunkt entweder die gesamte Hauptlinie einer Familie, die die Kontrollgewalt über eine „Zunft“ hat oder aber den Vorsteher dieser „Familie“.

Nishiyama beschreibt die Rechte (kenri, 権利) einer solchen Gilde im künstlerischen Bereich (z.B. chanoyu [茶の湯], ikebana [活花], shōgi [将棋] oder haikai [俳諧])wie folgt:

1. Rechte bezüglich der Technik (waza, 技) wie zum Beispiel, das Recht der Geheimhaltung, das Recht zur Kontrolle wie und wann etwas vorgeführt wird und das Recht zur Bestimmung des Curriculums und der Form (kata, 型).

2. Recht über Ausbildung (kyōju, 教授), Initiationsriten und Dokumente (sōden, 相伝) und über die Verleihung von Diplomen und Lizenzen (menyko, 免許)

3. Das Recht zur Bestrafung (chōbatsu, 懲罰) und zum Ausschluss (hamon, 破門) von Schülern.

4. Das Recht zur Kontrolle über die Benutzung von Kostümen, Bühnennamen, Künstlernamen und so weiter.

5. Das Recht zur Kontrolle von Werkstätten und Spezialausrüstung, welche in dieser Kunst benutzt werden.

6. Das Exklusivrecht über das Einkommen und den sozialen Status, welcher sich aus den fünf vorhergehenden Punkten ergibt.

Trotz der Vielfalt von Künsten und Arten sich zu amüsieren, gab es in den späteren Jahren nur sehr wenige dieser Familien-Gilden/Zünfte, die die oben genannten Rechte auf alle diese Künste ausüben durften.

Niemand konnte also legal ein Theaterstück vorführen, ein Lied vortragen oder eine andere „Kunst“ öffentlich betreiben, ohne Mitglied der Schule des sōke zu sein oder dieser Familie, respektive dem Vorsteher der Familie, eine Gebühr zu zahlen.

Die sōke verhinderten so natürlich auch das Aufkommen anderer Familien-Gilden beziehungsweise anderer Schulen um ihren Machtstatus beizubehalten.

In diesem Licht betrachtet sieht man, wie falsch die Übersetzung „Gründer“ für den Begriff sōke ist.

Die weitere Entwicklung in der Neuzeit werde ich an dieser Stelle aussen vor lassen, da sie nicht wirklich wichtig für den Zusammenhang ist.

Im Zusammenhang mit den Kampfkünsten Japans finden wir jedoch äusserst selten den Begriff sōke bzw. iemoto.

Vor 1868 kontrollierten sōke-Familien in der Art einer Händlergilde wie oben beschrieben zu keiner Zeit die Ausbildung in den Kampfkünsten. Das ist auch der Grund, warum es derartig viele ryū(ha) im feudalen Japan gab. Doch warum das?

Vor dem Frieden der Tokugawa-Periode war das schnellstmögliche Erlangen militärischen Könnens die „conditio sine qua non“ eines jeden Kampfkunstsystems. Ein Ausbilder, der die höchsten Geheimnisse seiner Kunst geheim gehalten hätte, wie es die Oberhäupter der sōke-Familien in den friedlichen Künsten taten, hätte niemals Schüler um sich scharen können.

So erhielten die Schüler während des 16. Jahrhunderts sehr schnell alles, was es zu lernen gab von ihrem Meister und waren frei, es wiederum anderen beizubringen.

Wenn jemand Urkunden vergab, tat er das unter eigener Regie, ohne irgendjemandem Rechenschaft oder gar eine Gebühr zu schulden. Nach 1600 jedoch wandelten sich die Form des Unterrichtes und der Struktur der Kampfkünste hin zu mehr strukturierten, mehr „geheimen“ Konstrukten mit komplexeren und zeitaufwendigeren Lehrplänen. Schüler, welche Urkunden/Lizenzen erhielten, waren nicht länger automatisch dazu befugt, selber solche zu verleihen.

Die herrschenden Klassen verboten zu dieser Zeit Kriegergruppen oder Kampfkunstschulen „Organisationen“ zu gründen und über die Grenzen der einzelner Fürstentümer hinweg Kontakt zu halten.

Mehr noch, die Fürsten zogen es vor, nur ihr eigenes örtliches Kampfkunst-System zu schützen und es so mit strengem Auge zu kontrollieren.

Und schlussendlich war es für eine einzelne Kampfkunstschule in der Zeit des Friedens kaum noch möglich, kämpferische Überlegenheit über ihre Rivalen zu beweisen. Dies führte wiederum dazu, dass innovative Lehrer neue Trainingsmethoden entwickelten und Schulen gründeten, ohne Gefahr zu laufen, dies in einem echten Kampf um Leben und Tod zu beweisen.

Osano Jun bezeichnet das Kōdōkan Jūdō als erste japanische Kampfkunst, die die Idee eines richtigen sōke/iemoto-System aufnahm. Der Kōdōkan setzte nicht nur einen Standard für einen Trainingsort in einem Gebiet, sondern für alle Jūdō-Praktizierenden in ganz Japan. Der Kōdōkan kontrollierte die Kunst, die Lizenzen und Ausbildung und gründete Zweigstellen mit Lehrern, die eine permanente Mitgliedschaft mit dem honbu besassen. Wenn der Kōdōkan etwas nicht als Jūdō anerkannte/anerkennt ist es kein Jūdō.

Deswegen gab/gibt es auch keine „neuen“ Jūdō-Stile. Hier wäre es jedoch zu diskutieren, wie es mit dem Kosen Jūdō aussieht. All diese Eigenschaften deuten unzweifelhaft auf ein traditionelles sōke-System hin. Dennoch, der Begriff scheint mit der in die moderne gerichteten Art des Jūdō hinfällig zu sein.

Wieso nannte sich also zum Beispiel Kanō Jigorō nicht sōke oder wurde als solcher bezeichnet?

Meiner Meinung nach, weil bis zu diesem Zeitpunkt der Begriff sōke in den Kampfkünsten nicht benutzt wurde. Und weil er selbst der erste war, der ein sōke-ähnliches System in den Kampfkünsten etablierte.

(1) Zu genüge findet man heute Websites, auf denen sich verschiedene Stilbegründer mit dem daraus für sie resultierenden Titel des sōke zu Vereinigungen zusammengeschlossen haben. So zum Beispiel:

• World Head of of Family Sokeship Council

http://www.bushido.org/whfsc/whfsc.html)

• World Headfounders/Headfamilies Council, Inc.

http://www.geocities.com/Tokyo/6471/)

Basierend auf: ‘Soke: Historical Incarnations of a Title and its Entitlements’ von William M. Bodiford, professor of East Asian Languages and Culture, UCLA aus dem Buch ‘Keiko Shokon – Classical Warrior Traditions of Japan Volume 3 von Diane Skoss’.

Autor:

Gregor Hänggi

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www.kobudo.ch